Zwischenruf: Zwei Schritte vor, einer zurück!? - wie die BA über die Zuständigkeitsfrage die Arbeit der Jugendberufsagenturen ausbremst

Der Ansatz, benachteiligten Jugendlichen über spezielle Anlaufstellen individuelle Angebote der Förderung, Vermittlung und Unterstützung in Ausbildung zu geben, war sicherlich alles andere als neu.

Neu aber war der erkennbare politische Wille, der mit der Etablierung von Jugendberufsagenturen zum Ausdruck kam. Dort, wo diese Agenturen entstanden sind, wo Jugendhilfe, Jobcenter und Arbeitsagentur sowie weitere Player unter einem (virtuellen) Dach zusammenarbeiten, wo eine langfristige Förderplanung und pädagogische Konzepte auf die Bedarfe der Jugendlichen zugeschnitten sind, keimte die Hoffnung, dass es gelingen kann in der rechtskreisübergreifenden Arbeit versäultes Denken und Handeln zum Wohl der Zielgruppe zu überwinden.

Mit dem Vorschlag des DGB und des BDA, zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit (BA) die Ausbildungsvermittlung und -förderung für jugendliche Arbeitslose sowie die berufliche Rehabilitation aus dem SGB II auszugliedern und der Arbeitslosenversicherung nach dem SGB III zu übertragen, wird die Arbeit der Jugendberufsagenturen bei der gemeinsamen Förderung durch eine neue Diskussion um Zuständigkeiten und neue Schnittstellen geschwächt. Begründet wird der Vorschlag mit einer möglichen Effizienzsteigerung, einer Verminderung von Schnittstellen sowie einer Entlastung der Jobcenter.

Fraglich ist allerdings, ob diese Rechnung aufgehen kann. Denn von den knapp 240.000 arbeitslosen jungen Erwachsenen unter 25 Jahren sind rund 140.000 im SGB II-Leistungsbezug. Etwa 70 Prozent verfügen über keinen Schulabschluss oder "nur" einen Hauptschulabschluss.¹ Hingegen werden die Schulabschlussvoraussetzungen für betriebliche Berufsausbildungen immer anspruchsvoller. In 2015 brachten nur knapp 30 Prozent der "neuen" Auszubildenden lediglich einen Hauptschulabschluss mit. In 2009 waren das noch rund 37 Prozent. Oder anders herum: Nur 45 Prozent der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss schafften noch den direkten Weg in die Berufsausbildung.²

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass hier sozialpädagogische Kompetenz und ganzheitliche Förderung gebraucht wird. Es darf zumindest bezweifelt werden, ob die BA für die Arbeit mit dieser Zielgruppe überhaupt hinreichend aufgestellt ist, über die richtigen Instrumente, gelingende (rechtskreisübergreifende) Kooperationen sowie über die notwendigen pädagogischen Konzepte verfügt. Vielmehr stellt sich die Frage, von welchem fachlichen oder politischen Interesse der Vorstoß der BA geleitet wird.

Denn vom Jugendlichen aus betrachtet geht es darum, unter welchen Bedingungen junge Menschen aus Bedarfsgemeinschaften möglichst optimal vorbereitet und auf dem Weg in die Ausbildung/den Beruf beraten, gefördert und vermittelt werden können. In zahlreichen Jobcentern hat sich eine gute Förderpraxis für Jugendliche mit besonderen Startschwierigkeiten in Kooperation mit den Leistungen der Jugendhilfe entwickelt, die eine zunächst niedrigschwellig angelegte ganzheitliche Förderung im Sozialraum bis hin zu einer konkreten Ausbildungsförderung in überschaubaren Schritten entwickelt. Mitunter sind ganze Bedarfsgemeinschaften hier in den Blick zu nehmen. Unter dem Dach der Jugendberufsagenturen bemühen sich die Jobcenter vielerorts gemeinsam mit den Jugendämtern, den Arbeitsagenturen und weiteren Partnern die jeweiligen Kompetenzen der Rechtskreise zusammen zu fügen. Mit Umsetzung des Vorschlages der BDA/DGB würden erprobte und bewährte Integrationswege zerschnitten und neue Hürden für die rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit aufgebaut.

Neue Zuständigkeitsdiskussionen bedeuten einmal mehr, die Bemühungen um rechtskreisübergreifende Arbeit auszubremsen und damit gegen die Interessen benachteiligter junger Menschen, der Gesellschaft und nicht zuletzt auch der Wirtschaft zu handeln – mindestens aber wieder einen Schritt zurück zu gehen.


¹ Bundesagentur für Arbeit, Grundsicherung für Arbeitsuchende in Deutschland, Mai 2016, Jahresbericht 2015, Zahlen, Daten, Fakten, S. 16-17
² Vgl. Berufsbildungsbericht 2017


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