Ländermonitor der Bertelsmann Stiftung

Auch in diesem Jahr hat die Bertelsmann Stiftung einen Ländermonitor vorgelegt. Darin legt sie einen Schwerpunkt auf die zentrale Rolle der Länder in der Berufsausbildung. Erfreulich ist, dass die vollzeitschulische Berufsausbildung auch hier mehr und mehr in den Blick der (Fach-)Öffentlichkeit gerät.

Die vollzeitschulischen Berufsausbildungen machen inzwischen mehr als 20 Prozent der vollqualifizierenden Berufsausbildungen aus. In den meisten Bundesländern gibt es hier jedoch eine nahezu ausschließliche Ausrichtung auf die Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe (GES). Ausbildungen nach BBiG bzw. HwO spielen im Schulberufssystem mittlerweile eine untergeordnete Rolle.

  • Die Chancen von Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss (HSA) werden schlechter.

Laut Monitor haben 2017 bundesweit nur noch 47 Prozent der Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss eine vollqualifizierende Ausbildung aufgenommen, nur zehn Jahre zuvor waren es noch 52 Prozent. Die Tendenz, dass immer weniger Jugendlichen mit HSA oder ohne Schulabschluss eine Einmündung in die dualen und schulischen Ausbildungsberufe gelingt, hält also an. In den Bundesländern zeigt sich das sehr unterschiedlich: in Bremen sind nur 37 Prozent der Jugendlichen erfolgreich beim Einstieg in eine Ausbildung, in Bayern sind es hingegen 69 Prozent. Die besten Chancen der Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss für die Einmündung in eine duale Ausbildung bestehen in Hamburg (55 Prozent) gefolgt von Bayern (51 Prozent), die schlechtesten Chancen haben Schulabgänger*innen in Baden-Württemberg (28 Prozent).

  • Nach wie vor haben Jugendliche mit ausländischer Staatsbürgerschaft nicht die gleichen Chancen bei der Einmündung in Ausbildung.

Zwar zeigt sich in den Jahren 2007 bis 2017 eine leichte Verbesserung, dennoch landen ausländische Jugendliche doppelt so häufig im sogenannten „Übergangssektor“ wie deutsche Jugendliche. Nur 44 Prozent von ihnen konnten direkt eine Ausbildung aufnehmen, gegenüber 77 Prozent der deutschen Jugendlichen.
Auch hier sind die regionalen Disparitäten groß. So sind die geringsten Differenzen zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen bei der Einmündung in eine duale Ausbildung in Mecklenburg-Vorpommern (bei einem sehr geringen Ausländeranteil) und in Hamburg (bei einem großen Ausländeranteil) zu beobachten.

  • Vielfältige Ursachen für die Passungsprobleme im dualen System.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Ausbildungsanfänger*innen im dualen System der Berufsausbildung wieder gestiegen. Trotz dieser positiven Entwicklung finden Betriebe und Jugendliche immer häufiger nicht zueinander. Im Jahr 2009 konnten 17.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. 93.000 Bewerber*innen gingen bei der Ausbildungsplatzsuche leer aus. Fast 10 Jahre später – 2018 – suchten noch 79.000 Jugendliche erfolglos eine Lehrstelle, obwohl sich die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze mit 58.000 mehr als verdreifacht hat. Für knapp die Hälfte (44 Prozent) der unbesetzten Stellen gibt es zwar interessierte Jugendliche, es kommt aber trotzdem nicht zum Abschluss von Ausbildungsverträgen, weil der Betrieb die Bewerber*innen nicht für geeignet hält oder die Jugendlichen den Betrieb nicht für attraktiv halten. Besonders problematisch zeigt sich diese Situation für Branchen wie das Lebensmittelhandwerk oder das Hotel- und Gastronomiegewerbe. Rund jede vierte der unbesetzten Stellen ist deshalb unbesetzt, da Ausbildungsbetriebe und Bewerber*innen in unterschiedlichen Regionen liegen. Dies trifft in besonderem Maße Bayern und Sachsen.

  • Öffentlich finanzierte Berufsausbildung als Lösung der Passungsprobleme?

Die Stiftung schlägt vor, Maßnahmen des Übergangssystems in Richtung öffentlich finanzierter, an den Fachkräftebedarfen in der Region orientierten Ausbildungsalternativen weiterzuentwickeln. Im Sinne einer Ausbildungsgarantie sollen diese Ausbildungsplätze dann vorgehalten werden, wenn Bewerber*innen leer ausgehen. Dabei helfe ein Übergang in reguläre betriebliche Ausbildung nach dem ersten Jahr sowohl den Jugendlichen als auch den Betrieben, die auf diese Weise bereits vorqualifizierte Jugendliche in die Ausbildung integrieren können.
 
Leider nimmt die Bertelsmann Stiftung hier wieder nur die duale Ausbildung in den Blick und schlägt für das 1. Ausbildungsjahr eine neue Aufteilung zwischen Theorie und Praxis – bestehend aus 3 Tagen Praktikum und 2 Tagen Schule – vor. Die Erfahrungen in Hamburg mit dem Programm Berufsqualifizierung (BQ) haben jedoch gezeigt, dass damit häufig doch eine Ausbildungsverlängerung einhergeht und es sich dann wieder um eine Berufsvorbereitung ohne Anrechnung auf die Ausbildungszeit* handelt. Zudem muss bei der Frage der öffentlich finanzierten Ausbildungen im Kontext einer Ausbildungsgarantie die Beschränkung auf die duale Berufsausbildung aufgegeben werden. Der Fachkräftemangel ist doch längst bei den GES-Berufen angekommen und benötigt auch hier eine Erweiterung der Angebote. Nur so kann man den Berufswünschen der Jugendlichen entsprechen und dabei auch stärker auf eine Egalität der Geschlechter hinwirken sowie dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
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*Nur 63% der in eine duale Ausbildung über gegangenen Auszubildenden werden die erbrachten Ausbildungsleistungen angerechnet. (von 58% der BQ-Schüler*innen)


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In den letzten Jahren sind gesellschaftspolitische Entwicklungen durch anhaltende Tendenzen zu verstärktem Rechtspopulismus, Diskriminierung und Rassismus gekennzeichnet. Staatliche und zivilgesellschaftliche Organisationen setzen insbesondere auf „Demokratiebildung“. Gefordert wird häufig, dass diese mit zu den Schwerpunkten sämtlicher gesellschaftlicher Handlungsfelder gehören muss.